top of page

Eine vegane Reise zum Land der Tiere

  • Autorenbild: Andrea Hinz
    Andrea Hinz
  • 29. Juni
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Juni

Wir wollten schon länger ins Land der Tiere und jetzt hat es endlich geklappt. Eingebettet in eine kleine vegane Reise in den Nordosten von Deutschland. Und das zur unerwartet heißesten Zeit des Jahres mit Start zum Mittsommer, am 21. Juni.


Von Düsseldorf zum Ahead Burghotel

Knapp fünf Stunden von Düsseldorf entfernt liegt das Ahead Burghotel und bietet sich perfekt an für einen Zwischenstopp. Inmitten faszinierender Natur des UNESCO Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe Brandenburg liegt eine denkmalgeschützte Burg, umrahmt von einem über fünf Hektar großen Burggarten, direkt am Fluss Löcknitz, der zu Kanutouren einlädt. Wir haben uns für einen eco room in der historischen Burgschule entschieden. Mit den Fenstern zum Garten eine absolut ruhige Wahl und nur ein mini-kleiner Fußweg von der Burg mit dem pflanzlichen Restaurant place to V entfernt. Die Menükarte macht die Wahl nicht leicht – meine Regel, “bleib bei dem, was dir als Erstes ins Auge springt”, passt mal wieder. Es wird ein Zitronen-Rosmarin-Risotto mit Pilzen (was ich unbedingt nachkochen möchte) und Uwe entscheidet sich für Soba-Nudeln. Es ist Mittsommer und einige Lenzer:innen organisieren das Fête de la Musique – eine charmante Veranstaltung, die uns auch über die alte DDR-Grenze und den Grenzturm an der Elbe führt. Überraschung dann beim Frühstück im Wintergarten: wir treffen Jan Gerdes von Hof Butenland, den wir vor zwei Jahren besucht haben.



Vom Ahead Burghotel zum Vegan Resort

Nur zweieinhalb Stunden Fahrt vom Ahead Hotel entfernt, im Herzen von Mecklenburg-Vorpommern, in Neukalen am Kummerower See, liegt das Vegan-Resort der Kernvoll GmbH aus Berlin. Das erste Standbein von Kernvoll ist Bio-veganes Catering in der Hauptstadt: 100 % Vegan. 100 % Bio-zertifiziert. Gewerkschaftliche Arbeitsbedingungen. Wären dies die Vergabekriterien für alle Cateringaufträge öffentlicher Institutionen und Ministerien, würden Städte und Länder viel zu der Erreichung ihrer Nachhaltigkeitsziele beitragen und ein Zeichen setzen für die dringend notwendige Ernährungswende hin zu einer mehr pflanzlichen Ernährung. Die gleichen Kriterien wendet Kernvoll auch beim Vegan Resort an. Hier verbringen wir eine 100% tierleidfreie Zeit – leckeres bio-veganes Frühstück und Abendessen inklusive. Endlich mal ein Urlaub, bei dem wir nicht selbst kochen und uns einfach an den gedeckten Tisch (ans Buffet) setzen können. Was wir schon im ahead Hotel erlebten, zeigt sich auch hier: eine direkte Verbundenheit mit bislang unbekannten Menschen. Ja, vegan sein, verbindet sofort. Wir lernen offene, interessierte Menschen kennen und die Atmosphäre ist wohlwollend, herzlich, entspannt. Christian, einer der Geschäftsführer:innen von Kernvoll, schildert uns seinen veganen Weg und seine Visionen – und setzt damit gleichzeitig so einige Impulse. Die Gegend ist perfekt, um “runterzukommen” und mal die Großstadt-Beruf-Alltag-Aktivismus-Taktung auszusetzen. An den ersten beiden Tagen radeln wir zum Kummerower See und fahren zu den Ivenacker 1.000jährigen Eichen. Doch die Hitzewelle des Rheinlandes erreicht schließlich auch das Vegan Resort und wir entscheiden uns dazu, uns so wenig wie möglich zu bewegen. Morgens eine Runde Trampolin springen ist das höchste der Aktivitäten, gefolgt von endlich mal Bücher lesen und Brettspiele am Abend. Ja, wir haben rein gegambled in die Welt der Brettspiele – liebe Düsseldorfer Community, bald geht’s los!



Vom Vegan Resort zum Land der Tiere

An einem sehr heißen Tag und mit defekter Klimaanlage im Auto geht es bei über 40 Grad fast den gleichen Weg zurück, den wir vom ahead Hotel genommen haben. Ab Schwerin dann Richtung Hamburg, bis zu einer kleinen Unterkunft in der Nähe von Amt Neuhaus, 4 km von der Elbe entfernt. Jetzt ist wieder Selbstverpflegung angesagt.


Eine staubige Piste führt zu einer grünen Insel

Eine staubige Piste, links und rechts endlose gelbe Getreidefelder, führt uns zu einer “grünen Insel” und an das Tor vom Land der Tiere bei Vellahn. Das Land der Tiere ist ein Lebensort für aktuell an die 230 gerettete Tiere und ein veganes Tierschutzzentrum zwischen Hamburg und Berlin. Jürgen Foß, einer der Gründer, begrüßt uns herzlich und übergibt uns direkt in die Obhut von Anna, die erst einmal unsere Schuhe von unten desinfiziert. Wir überqueren ein offenes Grasgelände, um zum Besuchergebäude zu gelangen, indem am Abend zuvor eine Tafel.Runde stattfand. Die Tafel.Runde im Land der Tiere ist ein Ganztagesevent der besonderen Art: exklusiver Kochkurs, kulinarischer Genuss und intensives Eintauchen ins Land der Tiere. Die nächsten drei Tafel.Runden mit renommierten Köch:innen sind ausgebucht – also schnell sein, wenn die Termine 2027 rauskommen und du dabei sein möchtest.


Apfel-Leckerli für (fast) alle Hühner

Wir starten bei den Hühnern, die fast alle vernachlässigt aus Privathaushalten kamen und jetzt ein buntes, frohes Grüppchen unter schattenspendenden Bäumen und Büschen bilden. Anna drückt jedem von uns einen Apfel in die Hand und es wird ordentlich gepickt; natürlich erst nachdem die Rangordnung klar gestellt wurde. Wir gehen durch ein kleines Tor und entdecken unter einem kleinen Sonnensegel ein einsames weißes Huhn. Es handelt sich um Masthuhn Cosma, die sich einen separaten Bereich mit der weißen Mastpute Ashley teilt. Ashley hat einen gekürzten Schnabel, eine in der Tierindustrie gängige schmerzhafte Praxis. Die beiden sind gezüchtet auf schnelle Gewichtszunahme und haben kein natürliches Sättigungsgefühl mehr. Lebten sie mit den anderen Hühnern und Puten, würden sie ihnen das ganze Futter wegessen. Schon hier wird klar, es gibt ganz schön viel zu beachten, um jedem tierlichen Bewohner ein würdiges Leben zu ermöglichen. Cosma scheint neugierig zu sein und bewegt ihren schweren, deformierten Körper in unsere Richtung. Ich sehe zum ersten Mal ein ausgewachsenes Masthuhn und bin überrascht, dass sie trotz der Qualzucht überhaupt noch lebt. Masthühner werden in der Tierindustrie im jungen Alter von sechs Wochen geschlachtet und leiden oft dann schon an Herz-Kreislauf-Problemen, Beinschwächen oder Stoffwechselerkrankungen. Cosma kam im Juli 2023 ins Land der Tiere und ist nun drei Jahre alt.



Die Rasenpfleger:innen im Land der Tiere

Wir laufen mit Anna “rüber” zu den Schafen. In der Ferne sehen wir die kühle Schafs-Unterkunft in einem ehemaligen Bunker und schon rennt uns eines der Kamerunschafe entgegen. Ah ja, klar, Anna hat Leckerchen dabei und drückt uns einen kleinen Vorrat in die Hand. Schnell haben auch andere Spitz bekommen, dass Besuch da ist und wir sind alsbald umringt. Kamerunschafe sind Haarschafe, müssen im Gegensatz zu Wollschafen nicht geschoren werden und werfen ihre dichte Winterwolle ab dem Frühjahr ab. Neben extrem vernachlässigten Tieren aus teilweise Privathaushalten und Deichschafen haben es auch Schafe aus Tierlaboren ins Land der Tiere geschafft. Eine alte Wollschafdame, Brigitte, kommt neugierig und auf wackeligen Beinen in unsere Richtung, um sich dann, im Schatten angekommen, mühevoll auf die Wiese zu legen. Ein Anblick, der sehr berührt, denn wo gibt es sonst so viel Fürsorge für alte, so genannte “Nutztiere”, wenn nicht an Orten wie diesem? 



Auf dem Weg ins Schweineland

Auf dem Weg zurück zum Schulungsgebäude, in dem neben den Tafel.Runden auch Workshops und Seminare, u.a. von Mensch Tier Bildung stattfinden, treffen wir auf Minischwein Lilli und das ehemalige ebay-Kleinanzeigen Minischwein Eddie, genüßlich am Klee naschend. Ein paar Meter weiter kommen wir an den beiden Cröllwitzer Putern Aljosha und Justus vorbei. Direkt zeigt Aljosha wer hier das Sagen hat, schlägt Rad und plustert sich auf. Irgendetwas wollen die beiden uns mit glucksenden Trommelgeräuschen (Trutengrollen) sagen…wahrscheinlich so etwas wie “hier ist jetzt Mittagsruhe, bitte einfach weitergehen”.



Im Schulungsgebäude gibt es auch einen Raum für Meerschweinchen, die alle ihre eigene Odyssee hinter sich haben. Ich erinnerte mich an eine Reise in Peru, dort stehen Meerschweinchen auf der Menükarte vieler Restaurants. Ein Beispiel für kulturellen Kategorie-Speziesismus: “wen essen, wen streicheln”.


Während wir auf Jürgen warten, der die weitere Führung übernimmt, ist Gelegenheit, die Spende meiner Tante Elke, ergänzt durch eine eigene, zu übergeben. Und irgendwie hat Cosma mein Herz erobert – jetzt bin ich Patentante. Das Land der Tiere lebt einzig von Spenden und Patenschaften – schau doch mal, wer dein Herz erobert und werde Pat:in: https://land-der-tiere.de/patenschaften/


Gemeinsam laufen wir mit Jürgen hinunter zum “Schweineland”. Ein etwa 30.000 Quadratmeter großes Paradies mit Freiflächen, viel Wald und Teich. Angekommen im Schweineland besuchen wir Hanna, ehemals Zuchtsau 624. Hanna lebte vier Jahre lang in einem „konventionellen Ferkelproduktionsbetrieb“ zwischen Kastenstand und „Abferkelkorb“, Besamung und Geburt. Hanna hat in dieser Zeit etwa 100 Ferkel geboren und als sie “aussortiert” werden sollte, weil ihre “Ferkelleistung” nachließ, konnte sie mit drei ihrer schwächsten Kinder, inzwischen fünf Jahre alt, ins Land der Tiere ziehen.

Gemütlich kuschelnd im Heubett im kühlen Bunker werden wir, ohne jegliche sonstige Regung, ausgiebig angeschnüffelt. Der Geruchssinn von Schweinen ist bis zu 2.000-mal empfindlicher als der des Menschen. Hätte ich nochmal duschen sollen? Doch wo sind die anderen der insgesamt 14 Schweine? Ein Teil wahrscheinlich irgendwo unter schattigen Bäumen, im kleinen Teich ist ein Badegast und die Suhle, wird just in diesem Moment “klatsch” von Rosalie in Beschlag genommen. Wir laufen durch den Schweinewald – kein weiteres Schwein in Sicht – und können uns vorstellen, dass hier keine Langeweile aufkommt. 



Wie eine Vision Realität wurde

So langsam erfassen wir die Dimensionen hier: Das gesamte Land der Tiere ist ein 13 Hektar großes abwechslungsreiches Areal, mit Freiflächen, Hügeln, Hecken, Sträuchern, Bäumen, Waldstücken und verschiedenen Gebäuden. Neben einem Haupthaus mit Wohnungen befinden sich auf dem einstigen Gelände der NVA (Nationale Volksarmee der DDR) diverse Bunker und Nebengebäude. Die ehemaligen oberirdischen, übererdeten und offenen Bunker sind nach dem Umbau Unterstände und Schlafplätze für die Bewohner:innen, die jederzeit von ihren Ställen auf die Weiden und in die Wälder können, wie sie möchten.


Jürgen Foß und Tanja Günther sind die Land der Tiere-Gründer:innen. Nach zehn Jahren Tierschutzarbeit in einem Tierheim, gründeten sie 2004 die Tierrechtsorganisation Tierfreunde e.V, welche 2013 in Animal Rights Watch (ARIWA) umbenannt wurde, um mit Öffentlichkeitsarbeit auf das Schicksal der Millionen sogenannten „Nutztiere“ aufmerksam zu machen und Tierrechte und Veganismus zu fördern. 

Und dann gab es da noch Hans Garweg aus Rheinland-Pfalz. Hans Garweg war Postbeamter im sogenannten „mittleren Dienst“ und ein sparsamer Mensch. Tierschutz war ihm immer eine wichtige Herzensangelegenheit und gemeinsam mit seiner Frau Renate gründete er 2002 die Stiftung "Tiernothilfe". Hans gefiel scheinbar die Arbeit von Tanja und Jürgen. 2006 kontaktierte er die beiden und regte ein Treffen an. Letztendlich wurde die Stiftung die Trägerin vom „Land der Tiere“ und 2014 konnte das NVA-Gelände mit gemeinsamen Mitteln gekauft werden. Bewusst haben Jürgen und Tanja nach alten Militäranlagen geschaut, anstelle aufgegebener Höfe. Denn aufgrund der dezentralen Infrastruktur können die Tiergruppen perfekt voneinander getrennt leben und das hiesige Areal bietet besonders viele Beschäftigungs-, Versteck- und Erkundungsmöglichkeiten. Jürgen betont, wie wichtig es ihm ist, dass viel Abwechslung für alle Tiere gewährleistet werden kann und dies letztendlich auch die Aufnahmekapazitäten definiert.  


Abbildung: Land der Tiere
Abbildung: Land der Tiere

Voller Dankbarkeit und angefüllt mit neuem Wissen 

Noch ein letzter Abstecher zu Stall Nr.3, wo wir Bekanntschaft mit den Ziegen Anton und Oscar machen. Beide Söhne von „Milchziegen“, deren Leben nach kurzer Zeit hätte vorbei sein sollen. Denn für die männlichen Nachkommen gibt es keine Verwendung, sie werden in der Regel ganz jung geschlachtet. Wie schön, dass ihr Leben anders verlaufen ist. Wie das von allen nichtmenschlichen Tieren im Land der Tiere.



"What does it mean to be an activist? An activist is someone who actively wants to stimulate a change in the world." – Sharon Gannon



Hinweise: Zum Land der Tiere braucht man mit dem Auto von Düsseldorf aus bei gutem Verkehr etwas über fünf Stunden. Mit Öffis ab dem Hamburger Hauptbahnhof im besten Fall zwei Stunden. Zu den sonntäglichen Besuchstagen, die von Mai bis Oktober stattfinden, muss man sich rechtzeitig anmelden. Weitere Infos hier: https://land-der-tiere.de/


Quellen: Einige Informationen und Textpassagen wurden, mit kleinen Anpassungen, übernommen vom ahead hotel, Vegan Resort und Land der Tiere 

bottom of page